„Welche Antiquitäten sind gefragt?“ – diese Frage höre ich bei fast jedem Termin. Meist steht sie am Anfang: Jemand hat einen Haushalt übernommen, ein Erbe geordnet oder ein Regal ausgeräumt und möchte wissen, was davon überhaupt jemand haben will. Die ehrliche Antwort fällt differenzierter aus, als viele erwarten – und sie ändert sich mit dem Markt. Als DGuSV-zertifizierte Sachverständige sehe ich jede Woche, was Abnehmer suchen und was liegen bleibt. Diesen Einblick gebe ich hier weiter.
Was „gefragt“ überhaupt bedeutet
Gefragt ist nicht dasselbe wie alt, und auch nicht dasselbe wie schön. Ob sich für ein Objekt ein Abnehmer findet, hängt an drei Dingen, die zusammenkommen müssen.
Es gibt einen Abnehmerkreis. Für manches existiert ein aktiver Sammlermarkt mit Menschen, die gezielt suchen und bereit sind, für Qualität zu zahlen. Für anderes gibt es diesen Kreis nicht – dann bleibt allenfalls der Materialwert.
Der Zustand trägt. Ein bedeutendes Objekt mit Sprung, Fehlstelle oder unsachgemäßer Reparatur verliert überproportional. Bei Massenware entscheidet der Zustand dagegen kaum, weil ohnehin kein Sammlerwert zustande kommt.
Seltenheit schlägt Alter. Aus dem 19. Jahrhundert stammen riesige Mengen Gebrauchsgut. Etwas, das damals in Hunderttausenden gefertigt wurde, ist heute nicht selten – nur alt. Umgekehrt kann ein Objekt von 1960 durchaus gesucht sein, wenn es in kleiner Auflage entstand.
Was derzeit gefragt ist – und was nicht
Die folgende Übersicht fasst zusammen, was ich in der Praxis erlebe. Sie ist bewusst qualitativ gehalten: Nachfrage schwankt, und wer Ihnen feste Zahlen nennt, ohne Ihr Objekt gesehen zu haben, rät.
| Bereich | Gesucht | Kaum gesucht |
|---|---|---|
| Porzellan | Manufakturarbeiten mit Prunkdekor, Figuren und Plastiken, vollständige Sammlungen | Serienservice und Sammelteller in großer Auflage |
| Silber | massives Silber nach Gewicht, Arbeiten bekannter Silberschmiede, vollständige Garnituren | versilberte Auflagen (90er, 100er) |
| Schmuck | Gold und Platin, Farbsteine und Brillanten, Arbeiten mit eigener Formensprache | Modeschmuck, vergoldete Auflagen |
| Uhren | goldene Taschenuhren, Werke mit Komplikationen, Sprungdeckeluhren | Uhren mit Golddoublé-Gehäuse ohne besonderes Werk |
| Münzen | Anlagemünzen, Kaiserreich-Goldstücke, geschlossene Sammlungen | Umlaufmünzen der Nachkriegszeit in Massen |
| Gemälde | signierte Arbeiten mit nachvollziehbarer Herkunft, Ölgemälde des 19. Jahrhunderts | Drucke und Reproduktionen, unsignierte Dekorationsbilder |
| Asiatika | frühes chinesisches und japanisches Porzellan, Bronzen, Cloisonné | Souvenirware des späten 20. Jahrhunderts |
Porzellan: die Manufaktur entscheidet, aber nicht allein
Porzellan ist der Bereich, in dem mir die größten Erwartungslücken begegnen. Viele Haushalte bewahren ein Service über Jahrzehnte auf, weil es „von der Großmutter“ stammt und teuer war. Wertvoll im Sinne des Marktes ist es damit nicht automatisch.
Gesucht sind Arbeiten mit aufwendiger Malerei, Figuren und Plastiken sowie alles, was in kleiner Auflage entstand. Ein handgemaltes Prunkdekor ist etwas anderes als ein gedrucktes Standardmuster, auch wenn dieselbe Bodenmarke darunter steht. Genau deshalb beginnt jede Bewertung bei der Marke – und hört dort nicht auf. Wie Sie Bodenmarken selbst einordnen, habe ich im Ratgeber zu Porzellanmarken ausführlich beschrieben.
Wenig gesucht sind dagegen die großen Serienmuster, die über Jahrzehnte in enormen Mengen produziert wurden. Sie stehen in so vielen Haushalten, dass das Angebot die Nachfrage dauerhaft übersteigt.
Silber: Material als Untergrenze, Machart als Aufschlag
Silber hat einen Vorteil gegenüber fast allen anderen Bereichen: Es gibt eine Untergrenze. Massives Silber lässt sich über Gewicht und Feingehalt rechnen, unabhängig von Geschmack und Mode. Diese Rechnung können Sie selbst überschlagen – ich habe sie im Ratgeber zu 800er, 835er und 925er Silber vorgerechnet.
Darüber hinaus zahlt Machart. Arbeiten erkennbarer Silberschmiede, vollständige Garnituren in Originalkassette und ungewöhnliche Formen erzielen mehr als der reine Materialwert. Versilberte Auflagen dagegen tragen nur eine dünne Schicht auf einem Trägermetall – hier entsteht über das Material praktisch kein Wert.
Schmuck und Uhren: wo die Machart zählt
Bei Schmuck gilt ähnlich: Gold und Platin haben einen Materialwert, der die Untergrenze bildet. Darüber entscheidet, ob jemand die Arbeit als Arbeit schätzt – eine eigene Formensprache, gute Steinqualität, saubere Fassungen. Modeschmuck und vergoldete Auflagen finden dagegen kaum Abnehmer.
Bei Uhren ist die Nachfrage erstaunlich stabil, aber sehr selektiv. Goldene Taschenuhren sind gesucht, ebenso Werke mit Komplikationen und gut erhaltene Sprungdeckeluhren. Uhren mit Golddoublé-Gehäuse und einfachem Werk bleiben dagegen liegen, selbst wenn sie hundert Jahre alt sind – Alter allein trägt hier nichts. Welche Merkmale im Einzelnen zählen, steht im Ratgeber zum Taschenuhren-Wert.
Münzen: Anlagewert und Sammlerwert laufen getrennt
Bei Münzen trennen sich zwei Märkte, die oft verwechselt werden. Anlagemünzen folgen dem Edelmetallkurs und sind jederzeit absetzbar. Sammlermünzen folgen dem Sammlermarkt – dort entscheiden Erhaltung, Prägejahr und Auflage, und der Abstand zwischen zwei Erhaltungsgraden kann erheblich sein.
Gesucht sind Anlagemünzen, Goldstücke des Kaiserreichs und geschlossene Sammlungen, die über Jahre systematisch aufgebaut wurden. Wenig gesucht sind dagegen Umlaufmünzen der Nachkriegszeit, die in Millionenauflagen geprägt wurden und in vielen Kellern lagern.
Gemälde und Asiatika: Herkunft schlägt Motiv
Bei Gemälden werde ich am häufigsten gefragt, ob das Motiv den Wert bestimmt. Es ist eher umgekehrt: Entscheidend sind Signatur, Zuschreibung und eine nachvollziehbare Herkunft. Ein handwerklich gutes Ölgemälde des 19. Jahrhunderts mit lesbarer Signatur und bekanntem Vorbesitz findet leichter einen Abnehmer als ein dekoratives, aber unsigniertes Bild.
Häufig liegt hier auch die größte Verwechslungsgefahr. Druckverfahren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts imitieren Pinselstriche verblüffend gut, und gerahmt hinter Glas fällt der Unterschied kaum auf. Woran Sie Originale von Reproduktionen unterscheiden, habe ich im Ratgeber zu Signaturen und Echtheit beschrieben.
Asiatika sind ein eigener Fall. Frühes chinesisches und japanisches Porzellan, Bronzen und Cloisonné-Arbeiten haben einen internationalen Abnehmerkreis, der unabhängig vom deutschen Markt agiert. Gleichzeitig kam ab den 1970er Jahren sehr viel Souvenirware nach Europa, die äußerlich ähnlich wirkt. Auch hier entscheiden Machart und Alter, nicht das Motiv.
Warum Sammlungen anders bewertet werden als Einzelobjekte
Eine Beobachtung, die viele überrascht: Ein zusammengehörender Bestand kann mehr ergeben als die Summe seiner Teile. Das gilt besonders bei Münzen, Porzellan und Silber.
Der Grund liegt beim Abnehmer. Wer sammelt, sucht Zusammenhänge – eine über Jahre systematisch aufgebaute Reihe, eine vollständige Garnitur, ein Service ohne Fehlteile. Solche Bestände sind selten, weil sie meist auseinandergerissen werden. Wird eine Sammlung zerteilt und einzeln verkauft, bleiben am Ende die schwachen Positionen übrig, für die sich niemand interessiert.
Deshalb rate ich dazu, zusammengehörende Bestände zunächst zusammen zu zeigen, bevor etwas einzeln abgegeben wird. Das kostet nichts außer einem Termin – und die Entscheidung bleibt anschließend bei Ihnen.
Umgekehrt gilt: Vollständigkeit hilft nur, wenn die Grundlage trägt. Ein komplettes Service eines Serienmusters bleibt ein Serienmuster, auch mit allen sechzig Teilen.
Was ich immer wieder sehe – und was selten Abnehmer findet
Es gibt Objektgruppen, die in fast jedem Haushalt auftauchen und für die es dennoch kaum einen Markt gibt. Ich nenne sie offen, weil es fairer ist als ein Termin, der mit einer Enttäuschung endet.
Sammelteller und limitierte Editionen der 1970er und 1980er Jahre wurden als Wertanlage verkauft, in Auflagen, die jede Seltenheit ausschlossen. Versilbertes Besteck ist praktisch überall vorhanden. Pressglas und Kristallgläser aus der Serienfertigung finden ebenfalls selten Abnehmer – anders sieht es bei signierten Arbeiten bekannter Glashütten aus. Und Reproduktionen und Drucke werden regelmäßig für Originale gehalten, weil sie gerahmt und gealtert sind.
Das heißt nicht, dass solche Objekte wertlos sind – sie haben oft einen persönlichen Wert, der mit dem Marktwert nichts zu tun hat. Es heißt nur: Ein Verkauf lohnt den Aufwand meist nicht.
Wie stark der Zustand wirklich ins Gewicht fällt
„Ein kleiner Sprung, das macht doch nichts“ – diesen Satz höre ich oft, und er stimmt leider selten. Wie stark ein Schaden wirkt, hängt davon ab, in welchem Segment das Objekt liegt.
Bei gesuchten Sammlerobjekten wirkt sich ein Schaden überproportional aus. Wer gezielt sucht, hat Ansprüche und findet Alternativen; ein Haarriss im Porzellan, eine Fehlstelle an der Glasur oder ein ergänztes Teil in einer Garnitur kosten deshalb mehr als den bloßen Reparaturaufwand. Restaurierungen mindern ebenfalls, selbst wenn sie fachlich gut ausgeführt sind – sichtbar bleibt sie trotzdem.
Bei Objekten, deren Wert ohnehin über das Material entsteht, spielt der Zustand kaum eine Rolle. Verbeultes massives Silber lässt sich nach Gewicht rechnen, unabhängig von Dellen. Genau deshalb lohnt es sich, vor jeder Reparatur zu fragen: Bei Sammlerobjekten kann eine gut gemeinte Aufarbeitung Wert vernichten, beim Materialwert ändert sie nichts.
Warum sich Nachfrage verändert
Der Markt folgt Generationen. Gesucht wird in der Regel, was eine kaufkräftige Altersgruppe mit ihrer eigenen Geschichte verbindet – und das verschiebt sich. Große Servicen für zwölf Personen passen nicht in heutige Wohnungen, kleine und ausdrucksstarke Objekte dagegen schon. Deshalb kann ein Bereich über Jahre schwach sein und wieder anziehen.
Für Sie heißt das: Eine Bewertung von vor zehn Jahren sagt über heute wenig. Und eine Einschätzung aus dem Internet sagt über Ihr konkretes Objekt noch weniger, weil sie den Zustand nicht kennt.
Wie Sie herausfinden, was auf Ihre Objekte zutrifft
Am schnellsten geht es mit Fotos. Fotografieren Sie das Objekt von vorn, dazu die Unterseite mit Marke oder Stempel – bei gutem Licht, ohne Blitz. Schicken Sie mir die Bilder über das Kontaktformular oder per WhatsApp; ich melde mich persönlich und sage Ihnen, worüber sich ein Termin lohnt und worüber nicht.
Bei Sammlungen und ganzen Nachlässen komme ich zu Ihnen. Das hat einen praktischen Grund: Zusammengehörige Bestände lassen sich nur im Zusammenhang beurteilen, und Sie müssen nichts transportieren. Wie so ein Termin abläuft, beschreibe ich auf der Seite zum Nachlassankauf.
Was mir in Süddeutschland besonders häufig begegnet
Regionale Unterschiede gibt es tatsächlich. Im Raum Stuttgart, auf der Schwäbischen Alb und im süddeutschen Raum insgesamt sehe ich überdurchschnittlich viel gutes Silber – Besteckgarnituren, die zu Hochzeiten angeschafft wurden und seither in Kassetten liegen. Ebenso häufig: Taschenuhren aus dem Familienbesitz, oft mit Widmungsgravur.
Porzellan ist ebenfalls stark vertreten, allerdings mit klarem Schwerpunkt auf den großen Serienmustern. Manufakturarbeiten mit Prunkdekor sind seltener, tauchen aber regelmäßig in älteren Beständen auf, deren Vorbesitzer gezielt gesammelt haben.
Was das für Sie bedeutet: Die Chance, etwas Gesuchtes im Haushalt zu haben, ist höher als viele annehmen – nur liegt es meist nicht dort, wo man es vermutet. Der silberne Löffel in der Schublade kann relevanter sein als die große Vase im Regal.
Häufige Fragen
Welche Antiquitäten sind derzeit gefragt?
Gesucht sind Manufakturporzellan mit aufwendigem Dekor, Figuren, massives Silber, Gold- und Platinschmuck, goldene Taschenuhren, Anlagemünzen sowie signierte Gemälde und frühe Asiatika. Gemeinsam ist diesen Gruppen, dass es für sie einen aktiven Abnehmerkreis gibt.
Welche Antiquitäten sind wertvoll?
Wertvoll wird ein Objekt durch das Zusammentreffen von Seltenheit, Qualität der Ausführung und gutem Zustand. Alter allein genügt nicht – vieles aus dem 19. Jahrhundert wurde in enormen Mengen gefertigt und ist deshalb nicht selten.
Wie erkenne ich den Wert von Antiquitäten?
Beginnen Sie bei Marke, Stempel oder Signatur, prüfen Sie dann Zustand und Vollständigkeit. Diese beiden Schritte können Sie selbst gehen. Die Einordnung in den aktuellen Markt – gibt es heute einen Abnehmerkreis und was zahlt er – erfordert Erfahrung, weil sie sich laufend verändert.
Wie verkaufe ich am besten Antiquitäten?
Das hängt vom Objekt ab. Für Einzelobjekte mit klarem Sammlermarkt kann eine Auktion passen, für gemischte Bestände und Nachlässe ist der direkte Ankauf meist der einfachere Weg, weil alles in einem Termin geklärt wird. Die Wege im Vergleich habe ich im Ratgeber zu den Verkaufswegen gegenübergestellt.
Wer schätzt den Wert von Antiquitäten?
Für eine marktgerechte Einordnung mit anschließendem Ankaufsangebot sind Sachverständige mit Marktzugang die passende Adresse. Ich bin beim Deutschen Gutachter und Sachverständigen Verband für Kunst und Antiquitäten zertifiziert; meine Zertifizierung können Sie einsehen. Schriftliche Bewertungen für Gerichte oder Versicherungen erstelle ich nicht.
Kurz zusammengefasst
Gefragt ist, was selten, gut erhalten und handwerklich überzeugend ist – und wofür es heute Menschen gibt, die suchen. Alter allein trägt nichts. Wenn Sie wissen möchten, wo Ihre Objekte stehen: ein Foto genügt für den Anfang.





